Als einmaliges Highlight werden die „schwimmenden Inseln“ im peruanischen Teil des Titicacasees beschrieben. Jetzt, wo wir jedoch beide Seiten kennen, würden wir jedem raten, sich einen schönen Tag auf der Isla del Sol nahe Copacabana zu machen. Wesentlich unberührter, authentischer und weniger touristisch vernetzt. Wir hatten zwar schon im Reiseführer gelesen, dass die Islas de los Uros sehr touristisch sein sollen, aber touristisch muss ja nicht immer mit schlecht gleichgesetzt werden. Dachten wir in diesem Fall zumindest und haben uns auf den 2 1/2 stündigen Bootsausflug eingelassen. Denn schwimmende Inseln aus Schilf sieht man dieser Form wirklich nur einmal.

Die rund 50 Schilfinsel im Titicacasee sind von den Uro bewohnt, die in einfachen Schilfhütten, die sie alle paar Wochen runderneuern müssen, leben. Ihren Strom beziehen sie aus Solarpanels, um abends mal fernsehen zu können (ganz alte, kleine Röhren). Gekocht wird über Feuer oder mit Gaskartusche. Das totora-Schilf ist irre belastbar und beständig. Es ist zwar ein ulkiges, leicht nachgebendes Gefühl, wenn man darauf läuft, aber alles in allem haben wir uns sicher auf den kleinen Schilfinseln gefühlt. Regelmäßig werden neue Schichten darauf gelegt, weil es von unten verrottet. Bei einer Probemessung in einem Loch kamen wir auf 14m Seetiefe. Stellenweise geht es bis auf 30m hinab. Natürlich gibt es keine Wasserleitungen, sodass wir die Damen dabei beobachten konnten, wie sie in einem Trog all die Wäsche von Hand gewaschen haben.

Es gibt auf den 50 Inselchen immer eine Art Stammesführer und mehrere Familien teilen sich die Einnahmen aus den Touristengeldern (beim Kauf von Kunsthandwerk oder einer Fahrt mit den Schilfschiffen, „Mercedes Benz“ genannt). Davon gehen sie dann einmal die Woche in Puno auf den Markt und kaufen die wichtigsten Sachen ein. Wir haben die Kids auf der Insel, die auch eine kleine Schule und einen Fußballplatz hat (nur doof, wenn der Ball mal über die Absperrung ins Wasser fliegt), etwas bemitleidet. Sicherlich halten sie ihre Tradition am Leben, aber es gibt einfach nichts zu tun. Außer auf Touristen zu warten und die Geschwister zu bespaßen.

Die Prozedur mit den Touris ist immer die Gleiche: Man steigt aus dem Boot aus, wird in der Mitte zwischen den Hütten „drapiert“ und bekommt dann Sachen rund um die Kultur erklärt. Dann heißt es „amigo, amiga, visite mi casa!“. Und dann geht man in die winzige Hütte – wie wir auch bei Olga und Martín – und schauten etwas peinlich berührt auf die paar Quadratmeter mit kleinem Doppelbett (winzig für Europäer!), die Kochstelle (ebenso winzig), die paar Habseligkeiten (wo sind die Klamotten?) und das zentrale Element – der Fernseher. Das Gespräch verlief zwar freundlich, aber man wusste schon, worauf das Ganze hinauslief… Und jetzt gehen wir zum „Markt“.

Der Markt ist in diesem Fall wieder der runde Schilfplatz in der Mitte jeder Insel, wo die Frauen ihre Sachen auf den bunten Tüchern ausgebreitet hatten, bereit für konsumfreudige Kundschaft. Absolut alles ist auf Kommerz aus. Und Olga war schwerst betroffen, dass wir nichts von ihrem Stand gekauft haben… Amiga, amiga! Die ganze Zeit weinerliche Stimmen und viel schlechtes Gewissen. Und vor allem: kein Entkommen. Wir haben uns versucht so weit es ging von den Krimskrams-Ständen zu platzieren in der Hoffnung, dass das Boot wieder bald ablegen würde. Als der Guide uns dann bedeutete, dass noch zwei weitere Stopps folgen würden, war uns nur schrecklich zumute. Auch beim nächsten Stopp wieder: aussteigen, in der Mitte platzieren, ein bisschen was über die Kultur der Uro lernen, „Besuch mein Haus!“-Gescheuche, „Kauf was von meinem Stand, amiga!“-Geweine und noch schlimmer, eine überteuerte Fahrt mit dem „Mercedes Benz“ für 30 Soles pro Nase (10 Euro). Und – ungelogen – die Damen haben uns regelrecht mit „Vamos! Vamos!“ in Richtung Schilfschiff gescheucht, sodass sie fein daran verdienen. Wirklich wie Vieh getrieben. Einfach nur super unangenehm, sodass wir verfrüht demonstrativ aufs Boot gegangen sind, um nicht länger bei den kommerzialisierten Uro-Produkten stehen zu müssen.

Währenddessen haben die Teilnehmer der Mercedes Benz-Tour ihre Minifahrt (hoffentlich) genossen und wir haben einander beim dritten Stopp wieder getroffen. Der Fress-Stopp. Keiner hatte so kurz nach dem Frühstück wirklich Hunger bzw. war gewillt die Preise für die traditionelle Titicacasee-trucha, also Forelle, zu bezahlen. Also wieder 30-40 Minuten sinnloses Warten bis es endlich wieder zurück nach Puno an Land ging.

Den Trip würden wir niemandem empfehlen, obwohl die Uro theoretisch so viel kulturelles Erbe zu bieten haben. Aber wir wollten einfach nur wieder weg.

Trotzdem wollen wir euch mit unserem Wissensschatz versorgen, damit die Erfahrung keine gänzlich schlechte bleibt.

DIE UROS INSELN UND IHRE BEWOHNER:

– die reinblütigen Uros sind durch das Heiraten mit Aymara sprechenden Einheimischen ausgestorben
Nachfahren erhalten jedoch Kultur so gut es geht
– ca. 5 Familien pro Inselchen
– galten früher als wildestes Volk im Inkareich… zogen sich bei Konflikten immer auf die Inseln zurück und konnten so nie erobert werden
– hatten besonders dunkle Hautfarbe
– im 19. Jahrhundert von ca. 4.000 Menschen bewohnt, heute noch ca. 1.500 – 2.000 Menschen
– leben – logisch – fast ausschließlich vom Tourismus
– mittlerweile haben die Inseln eine Schule, ein Gemeindehaus, eine Telefonzelle – meist alles mit Solarzellen betrieben
Schilfrohr muss alle 6 Monate ausgebessert werden (Häuser damit kontinuierlich neu erbaut)
– Interesse der Jüngeren am traditionellen Leben schwindet immer mehr… ziehen das Leben in der Stadt vor

Wir haben gehört, dass sich die Nachbarinseln Taquile und auch Amantaní mehr „lohnen“ sollen. Dort kann man auch klassisch bei Quechua-sprechenden Gastfamilien übernachten. Andere Traveller haben uns auch berichtet, dass Taquile wie ausgestorben war und sie die Insel ganz für sich genießen konnten.
Auch das gehört wohl dazu: mal einem Touristenflopp erlegen zu sein. Die Fotos lohnen sich dennoch und geben ein bisschen Einblick in das Leben der Uros.

Nützliches:

– Übernachtung in Puno, im Hostal Lago für 20 Soles inkl. Frühstück im DZ (Spitzenpreis!), Tipp vom Taxifahrer, super netter und hilfsbereiter Besitzer, nur ein Problem mit dem Heißwasser… aber spitze Wifi!
Bootstour mit englischsprachigem Guide für 15 Soles, übers Hostal organisiert, von der Unterkunft abgeholt/zurückgebracht
– Bus nach Arequipa 10 Soles, 3 Stunden mit Cruz del Sur